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Was ist Karnismus?

Karnismus ist ein unsichtbares Glaubenssystem, eine Ideologie. Wir sind mit dem Glauben aufgewachsen, dass Tiere zu essen völlig normal ist. Eine soziale Norm, an der kaum gerüttelt wird. Diese Idologie hält uns davon ab, diese Norm zu hinterfragen. Wir haben also die Logik eines höchst unlogischen Systems verinnerlicht. Warum tun wir das?


Hunde lieben, Schweine essen und Kühe anziehen?

Der Begriff Karnismus wurde erstmals von Dr. Melanie Joy geprägt, einer amerikanischen Professorin für Psychologie und Soziologie. In ihrem Bestseller „Warum wir Hunde lieben, Schweine essen und Kühe anziehen“ untersucht Joy, warum wir manche Tiere als Freunde betrachten und andere als Nahrung - ohne dass wir diese Unterscheidung plausibel begründen können. Sie erläutert komplexe soziale und psychologische Mechanismen, durch die bestimmte Lebewesen in unseren Augen zu Lebensmitteln werden. Außerdem erläutert sie, dass diese Mechanismen unterschwellig wirken, ähnlich wie bei anderen Formen der Diskriminierung.

Für ihr Buch befragte Joy ihre Studenten, warum sie Hunde lieben und Schweine essen. Die Antworten waren alle recht gleich: "Weil es halt einfach so ist." Für Schweine finden die meisten negative Begriffe, für Hunde überwiegend positive. In der Psychologie spricht man vom Gesetz der Ähnlichkeit - je mehr Gemeinsamkeiten wir mit jemandem wahrnehmen, desto mehr Empathie bringen wir ihm entgegen.

Wenn es ums Essen von Tieren geht, ist unsere Wahrnehmung größtenteils von unserer Kultur bestimmt. Tatsächlich haben wir durch unsere kulturellen Einflüsse als Kinder bereits gelernt, nur eine kleine Anzahl an Tieren als essbar (Nutztiere) einzustufen. Bei der weitaus größeren Anzahl an Tieren haben wir gelernt, sie als nicht essbar und deswegen als ungenießbar einzustufen (z.B. Haustiere). Der Grund, warum wir Kühe, Schweine und andere Nutztiere grundlegend als essbar empfinden, liegt in einer fehlenden Verbindung in unserem Bewusstsein. Der Verbindung zwischen dem Fleisch auf dem Teller und dem Tier das es einst war. Natürlich wissen wir, dass ein Tier sterben muss, damit wir Fleisch essen können. Trotzdem fehlt auf einer tieferen Ebene eine wesentliche Verbindung. Diese fehlende Verbindung blockiert sowohl unsere reale Wahrnehmung von Fleisch, wie auch unsere Gefühle und Gedanken. Fleisch wird in einem Großteil dieser Erde nicht aus einer Not heraus gegessen. Hauptsächlich wird es gegessen, weil es rein zur Gewohnheit geworden ist. Und das, obwohl Tiere eigentlich als beste Freunde des Menschen gelten.


"Die meisten Menschen essen Fleisch, weil die meisten Menschen Fleisch essen." Tobias Leeneart

So simpel ist es. Der bekannte Psychologe Steve Pinker (Harvard University) betrachtet es als eine der großen Erkenntnisse der Sozialpsychologie, dass "Menschen ihre Anhaltspunkte dafür, wie sie sich verhalten sollten, von anderen Menschen übernehmen."


Die Ideologie des Fleischessens

Karnismus ist also eine dominante, tief in der Gesellschaft verwurzelte Ideologie. Sie formt unsere Überzeugungen, Handlungen, Gedanken, Normen etc. Joy betont, dass es sich aber auch gleichzeitig um eine gewaltvolle Ideologie handelt: Fleisch kann nicht ohne töten hergestellt werden. Dominante und gewaltvolle Ideologien benutzen eine Kombination aus sozialen und psychologischen Verteidigungsmechanismen. Sie veranlassen Menschen, an inhumanen Praktiken teilzuhaben, ohne vollständig zu realisieren was sie tun. In anderen Worten: Karnismus lehrt uns, in bestimmten Situationen unser Mitgefühl auszuschalten. Das führt besonders in Diskussionen zwischen vegetarisch/vegan lebenden Menschen und Fleischessern manchmal dazu, aneinander vorbeizureden. Frustration oder Streit folgen leider oft. Um die Situation zu verbessern, sollten wir die Verteidigungsstrategien des Karnismus kennen und verstehen.


Die drei Verteidigungsstrategien des Karnismus

Diese Strategien wurden u.a. von dem Soziologen und Politikwissenschaftler Jeff Mannes erörtert und in diesem Artikel publiziert. Ich beziehe mich in der folgenden Ausführung auf seinen Artikel.


1. Strategie: Verborgenheit

Die hinter dem Karnismus liegende Ideologie machen sich die meisten Menschen nicht bewusst. Die Ideologie konnte unter anderem deshalb so gut im Verborgenen bleiben, weil sie keinen Namen hatte - bis Melanie Joy den Begriff des Karnismus prägte. Wenn wir für etwas kein Wort haben, können wir nur schwer darüber nachdenken oder sprechen, es in Frage stellen oder kritisch betrachten. Diese Verborgenheit sorgt dafür, dass Fleischessen eher als gewünscht anstatt als eine Wahl betrachtet wird.


Zur Verborgenheit kommt hinzu, dass man die Opfer des Karnismus nicht sieht. Laut Global 2000 werden alleine in Österreich jährlich ca. 99 Millionen Tiere geschlachtet. 2021 waren das ca. 60kg Fleisch pro Kopf. Eine Menge, die uns in Zahlen viel zu abstrakt scheint. Was die Verborgenheit noch fördert: Im Alltag reden wir von "Fleischproduktion" und vermeiden es, von Tieren zu reden. Von Individuen, von der Kuh Resi. Wir erwähnen auch nicht die Anzahl der getöteten Tiere, sondern die Summe ihres Gewichts.

In unserem Beispiel sind das pro ÖsterreicherIn jedes Jahr ca. 817 Hühner, 32 Schweine, 3 Rinder und 432 Fische. Wie viele dieser Tiere sieht der Verbraucher davon an einem Tag? Wie viele haben wir bisher in unserem gesamten Leben gesehen? Andere Perspektive: Wie viele Menschen sehen wir täglich, wenn wir das Haus verlassen? In Österreich leben 2022 knapp 9.000.000 Menschen; und 99.000.000 Nutztiere werden jährlich im selben Land geschlachtet. Wo sind also all diese Tiere? Ihre Körperteile sehen wir praktisch überall: beim Shoppen, im Restaurant, beim Essen oder an der Imbissbude um die Ecke. Wieso sehen wir diese Tiere (bis auf wenige Ausnahmen) nicht lebendig? Ganz einfach, weil sie dafür nicht bestimmt sind.


2. Strategie: Aufbau von Mythen

Wenn die Verborgenheit schwindet, zum Beispiel durch Dokumentationen oder in Diskussionen, benötigt das System eine zusätzliche Sicherung: Wir lernen Karnismus zu rechtfertigen, indem wir die Mythen des Fleischkonsums als Fakten betrachten.

Laut Dr. Joy äußern sich diese Mythen in einer Vielzahl von Argumenten, die alle auf die drei N´s der Rechtfertigung reduzierbar sind: Fleisch essen sei normal, natürlich und notwendig. Sehen wir uns das genauer an.

"Fleischessen ist normal" Was wir als normal bezeichnen, sind im Grunde nichts anderes als die Überzeugungen und Verhaltensweisen der dominierenden Kultur in einer Gesellschaft. Stellen wir uns die Szene vor, bei der wir bei Freunden zum Essen eingeladen sind. Der Gastgeber erzählt, dass wir heute "Golden Retriever" essen. Wir sind schockiert und möchten das nicht essen. Er sagt dann: "Du musst dich nicht schlecht fühlen, der Hund hatte ein schönes Leben. Er konnte frei herumlaufen, spielen und Freundschaften zu anderen Hunden aufbauen, bevor er mit sechs Monaten getötet wurde." Würden solche Tatsachen das Essen dieses Hundes erleichtern? Karnismus ist in unserer Gesellschaft so tief verwurzelt, dass wir nicht erkennen können, dass „tiergerecht produziertes Fleisch“ ein kompletter Widerspruch ist. So wie es auch die Werbeindustrie der Fleischkonzerne vermittelt: „Fair zum Tier“. Was wäre wirklich fair oder tiergerecht?

"Fleischessen ist natürlich" Hier werden willkürlich zusammengesuchte Argumente genutzt: Unsere Vorfahren haben Fleisch gegessen, andere Tiere essen auch Fleisch... Argumente, die für die Unnatürlichkeit unseres Fleischessens sprechen, werden ausgeblendet; z.B. dass unsere im Tierreich nächsten Verwandten praktisch gar kein Fleisch essen. Zudem wird ausgeblendet, dass wir die meisten anderen "natürlichen" Lebensweisen erfolgreich und gerne hinter uns gelassen haben: wir leben nicht mehr in Höhlen, müssen unser Essen nicht mehr jagen, dafür fahren wir mit Autos herum, surfen im WLAN und haben prall gefüllte Supermärkte zum Einkaufen - und somit eine riesige Auswahl an (pflanzlichen) Lebensmitteln die unser Überleben sichern.


"Fleischessen ist notwendig" Auch hier wird nur das als notwendig bezeichnet, was die dominierende, karnistische Kultur am Leben hält. Ist das milliardenfache Töten empfindsamer Individuen wirklich notwendig? Argumentiert wird mit dem damit verbundenen Protein-Mythos. Doch wie kommt es, dass so viele Spitzensportler vegan leben? Der stärkste Mann Deutschlands, der Kraftsportler Patrik Baboumian, isst seit 2005 kein Fleisch mehr. Er bezieht all seine Proteine ausschließlich aus Pflanzen. So, wie es auch die stärksten Tiere dieser Erde tun. Notwendig scheint das Essen von Tieren also nicht zu sein.


3. Strategie: Wahrnehmungsverzerrung

Der letzte karnistische Verteidigungsstrategie ist die Verzerrung der Wahrnehmung. Wir lernen, Tiere eher als Objekte anstatt als Individuen zu sehen. Wenn wir Hähnchen essen, essen wir etwas und nicht jemanden. Wir lernen auch, Nutztiere als Abstraktionen wahrzunehmen; denen es an jeglicher Individualität oder Persönlichkeit mangelt. Doch das Gegenteil ist der Fall. Wie Hunde und Katzen haben auch Schweine und Hühner individuelle Vorlieben und starke Charaktereigenschaften. Schlussendlich lehrt uns Karnismus, Tiere in willkürliche Kategorien einzuordnen, zu denen wir unterschiedliche Gefühle und Verhaltensweisen ausüben können. So gelten Hunde als Haustiere und somit als niedlich. Schweine sind Nutztiere und deswegen nicht niedlich. Hunde sind zum Streicheln da und Schweine zum Essen. Folglich ist Hundefleisch ekelhaft und Schweinefleisch schmackhaft.


Ausstieg aus der karnistischen Ideologie

Bewusstwerdung ist der erste Schritt auf dem Weg zur Veränderung. Denn ohne Bewusstsein gibt es keine freie Wahl. Ja, wir leben in einem karnistischen System. Aber sobald wir das System, seine Strategien und tiefer liegenden Konsequenzen verstehen, haben wir die freie Wahl. Mit vollem Bewusstsein, bleiben oder auszusteigen. Für sehr viele Menschen ist es trotz der Erkenntnis, dass es falsch ist Tiere zu essen, schwer dies in die Praxis umzusetzen. Aus Angst, zu sehr aufzufallen oder dass der Genuss auf der Strecke bleibt, Unannehmlichkeiten zu verursachen oder gesundheitliche Probleme zu kriegen. Diese Ängste und Sorgen sind das Ergebnis des genannten jahrzehntelangen karnistischen Glaubenssystem, in das wir hineingeboren wurden. Und dennoch sehen wir immer mehr Menschen, die es trotzdem schaffen auszusteigen. Und damit glücklich, gesund und befreit leben. Wie ein Ausstieg und damit Umstieg auf eine fleischlose, pflanzliche Ernährung erfolgreich, genussvoll und vor allem gesund funktioniert, zeige ich dir gerne in einem für dich abgestimmten Ernährungstraining. Erste Infos findest du in diesem Beitrag.


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